Menschenwelt statt Körperwelten

Die Faszination des Echten

"Die Echtheit der gezeigten Präparate ist für den Erkenntnisgewinn ganz wesentlich. Jeder Mensch ist einzigartig. Nicht nur in seinem sichtbaren Äußeren offenbart er seine Individualität, auch im Inneren gleicht kein Körper dem anderen. Lage, Größe, Form und Beschaffenheit von Skelett, Muskulatur, Nerven und Organen bestimmen unsere ‚inneren Gesichtszüge'."
(Körperwelten - Die Faszination des Echten: Ausstellungsziele - www.koerperwelten.com)

Als Aufklärung über die Funktionen des Körpers und als "Demokratisierung der Anatomie" wird die Ausstellung "Körperwelten - Die Faszination des Echten" angepriesen. Was also lernen wir dort, welches Herrschaftswissen haben uns die Anatomen dieser Welt vorenthalten? Was erfahren wir über das Menschsein der Leichen, die zerlegt und mittels "Plastination" in denkbar lebensferne Posen und Scheibchen befördert, tote Objekte des Beschauens und auch vermeintlicher Spiegel eigener ‚Funktionsweise' und Unzulänglichkeiten sind? Das Versprechen der Ausstellungsmacher: Hier erkennst du dich selbst - hier lernst du, dich besser zu verstehen, zu kontrollieren, glücklicher zu sein. Und: Bist du stark genug, für den Anblick massenhaft aufgestellter Leichen(-teile), dann bist du stark genug fürs Leben. Echt regungslos, echt Mensch?

Dem Rechtssenat passt diese Leichenschau gut ins kulturpolitische Konzept: Hier wird der Mensch zum Objekt. Nur noch die sogenannte Humanressource zählt für das "Unternehmen Hamburg". Deshalb soll jeder begreifen, dass der ungefesselte Kampf ums Dasein zwischen allen das eigentliche Wesen des Menschseins sei; die Kenntnis und scheinbare Kontrolle über die biologischen Funktionen des Menschen sei Grundlage der Selbstbehauptung. An der "Einzigartigkeit" ganz normaler äußerer und "innerer Gesichtszüge" könne der Einzelne seine Leistungsfähigkeit, seinen Wert, erkennen. ‚Natürlich' seinen Waren-Wert, denn nur der interessiert vom Standpunkt kapitalistischer Verwertungsabsicht. Für den kritischen Beobachter mag das erhellend sein - faszinierend ist das nicht.

Faszinierend ist schon eher die Vergegenwärtigung dessen, dass Kooperation und nicht Konkurrenz das Menschsein ausmacht. Schon die einfachste Höhlenmalerei, erstrecht Handwerk, Philosophie, wissenschaftliches, künstlerisches und musikalisches Schaffen beruhen auf gesellschaftlicher Arbeitsteilung, die Einzelne mehr und mehr von dem unmittelbaren Nahrungserwerb freigestellt hat. Und dafür Massen von Menschen davon ausschloss, weil die erforderliche Mehrproduktion die volle Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft der überwiegenden Mehrheit erforderte.

Heute jedoch ermöglichen Ergebnisse und Potentiale des wissenschaftlichen, technischen, kulturellen und sozialen Fortschritts die freie Entfaltung eines Jeden, in und durch solidarische Kooperation aller. Voraussetzung allerdings ist, dass alle Menschen gleiche Verfügung über ihre Lebensbedingungen haben, ist also die Überwindung der Ausbeutung der Arbeitskraft der Mehrheit im Interesse weniger. Erkenne dich selbst heißt dann, erkenne dein Interesse an der solidarisch-kämpferischen Überwindung der Konkurrenz und Verwertungsorientierung für eine echt faszinierende Menschenwelt.

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harte zeiten - Publikation der juso-hochschulgruppe